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Urheber: isafmedia. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Da ich in letzter Zeit zunehmend mehr als fragwürdige Kommentare aus meinem FB-Bekanntenkreis lesen musste (echte Freunde betrifft das zum Glück nicht), möchte ich einfach mal eine deutliche Gegenposition beziehen. Ich bin nicht links und würde mich keinesfalls als Gutmensch betrachten. Mein politisches Engagement lässt ebenfalls deutlich zu wünschen übrig. Dafür habe ich viel zu viel mit mir selbst, meinen Hobbies und meinem anspruchsvollen Job zu tun. D.h. ich pflege selbst einen ordentlichen Teil Egoismus.

Aber wie kann man wegsehen, klar erkennbare Lügen nachplappern und verbreiten, oder gar Flüchtlingsheime anzünden, wenn man sieht, wie Kinder mit Panik in den Augen über Zäune geworfen oder durch Flüsse getragen werden. Wenn man Beiträge verfolgt, in denen Hunderte von Menschen bei acht Grad im Regen in Schlammwüsten campieren, während wir uns Gedanken machen, dass bei zwölf Grad Außentemperatur unsere Heizung noch nicht gewartet wurde oder man dringend mal Brennholz für den Kamin bestellen müsste.

Es ist völlig klar, dass herausfordernde Zeiten auf uns zukommen. Es wird schwierig, all diese Menschen zu integrieren und das Ganze zu finanzieren. Und sicherlich gibt es unter den vielen Flüchtlingen auch einen ordentlichen Anteil an Schmarotzern, Dieben oder sogar Vergewaltigern. Die gibt es leider in jeder Gesellschaft, in jeder Kultur und leider auch in jeder Religion. Das sind Menschen, die sollten aus meiner Sicht tatsächlich mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt werden. Und zwar ohne Ansehen der Herkunft. Und bitte, liebe Legislative, hört auf, Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch oder eine schwere Kindheit als Ausrede für Straftaten zu akzeptieren. Es gibt einen Haufen Menschen, die es geschafft haben, trotz all dieser Faktoren wertvolle Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein.

Unabhängig davon frage ich mich, was die Asylgegner mit ihrer Hetze, ihren Lügen und ihrer Kriminalität bewirken wollen. Die Anzahl der Anschläge deutscher “Mitbürger” übersteigt bei weitem das Maß der Kriminalisierung der Flüchtlinge. Wem nutzt Hass und wer fühlt sich besser im Leben, wenn er missgünstig und neidisch auf ein paar obdachlose, nahezu mittellose Menschen herabsieht? Oder lenkt es nur vor der eigenen, nicht wahrgenommenen Verantwortung und Bedeutungslosigkeit ab? Es irritiert mich besonders, wenn wirklich gutsituierte Menschen diese Haltung verkörpern, Menschen, die sich auf Facebook gerne auf rauschenden Parties mit Champagner ablichten lassen oder auf Freizeit-Booten posieren. Denen fehlt bislang kein einziger Euro auf dem Konto. Da geht es nur um Egoismus und die Sorge um Besitzstandswahrung.

Und das sind die faulen Argumente – und ich vermeide bewusst zu fragen, wie viele von den Fragestellern, die sich plötzlich so um das deutsche Sozialsystem sorgen, denn selbst sozial tätig sind. Ich bin es nicht, oder sehr wenig und erwarte das auch nicht von anderen. Aber ich habe einen tiefen Respekt vor Leuten, die dies tun:

“Kümmert euch erstmal um unsere Obdachlosen, bevor ihr euch um die Flüchtlinge kümmert.”

In Deutschland lebt keiner auf der Straße, der nicht dort leben will. Jedem steht hier eine Wohnung zu, ob verdient oder nicht.
“Für unsere Schulen und Straßen ist kein Geld da, aber für Syrer.”
Wenn ich Menschen, die vor Krieg, Tod oder auch “nur” Armut fliehen, helfen kann und dafür Geld nötig ist, dann bin ich bereit auch mal durch ein paar Schlaglöcher zu fahren. Gut ausgestattete Schulen wären mir auch lieber – hier haben wir aber nur eine Instrumentalisierung eines bestehenden Misstandes, da diese Mittel auch vorher lieber in Prestigeprojekte oder Politikerflüge investiert wurden. Mit der aktuellen Problematik hat dies gar nichts zu tun.

“Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg.”

Auch ich habe Vorurteile, ich glaube, dass das deutsche Schulsytem besser ist, als das syrische oder afghanische. Auch glaube ich, dass die deutsche Mentalität eher unseren wirtschaflichen Ansprüchen gerecht wird, als die vieler Flüchtlinge. Aber genau deswegen sollte jeder, der wirklich Angst hat, dass ein Flüchtling ihm bald seinen Arbeitsplatz wegnimmt, sich mal ernsthaft Gedanken machen. Wovor hat man Angst? Dass die eigene mangelnde Bildung, das mangelnde Engagement, die eigene Bequemlichkeit oder die mangelnde Charakterfestigkeit im Vergleich schlechter abschneidet? Irgend etwas davon muss es ja sein, sonst müsste man sich keine Sorgen machen.

“Die Politik nimmt mich nicht ernst.”

Warum fällt Euch das jetzt erst auf, wenn es endlich jemanden gibt, auf den man einprügeln kann, ohne dass er sich wehren kann? Wie ernst habt Ihr/haben wir denn die Politik genommen? Bei einer Wahlbeteiligung von <50% sollten viele lieber den Mund halten. Wie politisch wart ihr denn vor der Flüchtlingskrise? Jeder kann und darf sich politisch einbringen. Aber das wollen die wenigsten. Dafür müsste man ja aktiv werden.

“Die leben doch auf meine Kosten, von meinen Steuern.”

Ich habe mehr Angst davor, die Banken, den Berliner Flughafen, die Hamburger Symphonie, die Kölner Oper, den Stuttgarter Bahnhof usw. mit meinen Steuern zu finanzieren, als Menschen, die in Not sind. Da werden die Steuern wenigstens für etwas Anständiges genutzt, statt für Prestigeobjekte und Selbstverwirklichungen Einzelner.

Nur mal zur Info: Solange wir 87 Milliarden Euro in Banken unter dem Deckmantel der Griechenlandrettung stecken, solange wir nur im ersten Halbjahr 2015 für 6,5 Millarden Waffen (versteuert) exportieren, solange unsere Politiker bis heute 4 Milliarden Euro (versteuert) in einen nichtfunktionalen Flughafen stecken, solange wir knapp 10 Milliarden pro Jahr (versteuert) in unsere Haustiere investieren, so lange will ich keine Heulsuse jammern hören, dass wir 10 Milliarden “von unseren Steuergeldern” in Flüchtlinge investieren! Fragt doch bitte mal den Juncker, was der die letzten 15 Jahre für den EU-Selbstbedienungsladen eingesackt hat, von “unseren Steuergeldern” …

“Ich habe Angst vor der Islamisierung.”

Ich bin Atheist und grundsätzlich kein Fan von Religionen. Die meisten haben irgendwo in der Historie Dreck am Stecken und die Protagonisten leben oft nicht die Demut, die sie von ihren Anhängern fordern. Es sind übrigens nicht Moslems, die fordern, dass wir die Kreuze abhängen, angebliche Laternenfeste feiern oder Schweinefleisch aus den Mensen verbannen sollen. Diese Forderungen kommen so gut wie immer von verwirrten Deutschen, die im Wahnsinn der Political-Über-Correctness am liebsten alle nach der Geburt entgendern und gleichmäßig grau anmalen wollen, damit man bloß nicht merkt, dass Menschen unterschiedlich sind. Integration (aus meiner Sicht identisch mit Überzeugung) funktioniert prima, wenn man Menschen mit gutem Beispiel vorangeht, selbstbewusst seine Werte vorlebt und zeigt, dass man damit erfolgreicher ist, als mit anderen Modellen.

“Dann nimm doch eine Flüchling bei Dir auf, Du Gutmensch”

Das muss ich nicht, auch wenn ich schon drüber nachgedacht habe. Mir ist mein Privatleben wichtig und würde mir selbst bei Bekannten lange überlegen, ob, und wie lange ich so etwas machen möchte. Aber ich “spende” jeden Tag mit meinen Steuergeldern und bin vollumfänglich damit einverstanden, dass dieses Geld sinnvoll zur Hilfe von Mittellosen genutzt wird. So wie ich auch Hartz IV akzeptiere. Warum sollte mir ein unbekannter Deutscher wichtiger sein als ein unbekannter Syrer?

“Wir sind das Volk”

Ein Scheiß seid Ihr. Du bist ein verdammtes Individuum, dass in den meisten Fällen durch Zufall in ein “Volk” hineingeboren wurde. Nur weil Du zufälligerweise ein paar hundert ähnlich dämliche Lemminge gefunden hast, heisst es noch nicht, dass alle anderen Mehrzeller Deiner Meinung sind. Geh wählen, unterzeichne Petitionen und nutze die anderen Instrumente, die Dir “das Volk” bzw. die Demokratie zur Verfügung stellt. Aber mach Dich darauf gefasst, festzustellen, dass Ihr vielleicht doch nicht so viele seid, wie das aus der Perspektive eines Montagsspaziergangs aussieht.

Wahrscheinlich werden die meisten Menschen, die dieser Text betrifft, gar nicht bis zu dieser Stelle vordringen, weil sie viel zu bequem, zu faul und in Grunde zu uninteressiert sind um etwas zu lesen, das über den Aufmacher der BILD hinausgeht. Dennoch ist es mir wichtig – wenn ich mich schon sonst wenig engagiere – ein klares Statement FÜR Menschlichkeit, Hilfe und Empathie abzugeben. Meinen Bekannten auf Facebook möchte ich empfehlen mal kurz in den Spiegel zu schauen und zu überlegen, wie gut es ihnen (in 80% aufgrund des Zufalls, in Deutschland geboren zu sein) geht, und ob sie bereits irgendwo Einschnitte hinnehmen müssen oder sich lediglich von der allgemeinen Panikmache instrumentalisieren lassen. Angst und Missgunst waren noch nie ein guter Ratgeber.

Um den sehr bereichernden Satz eines anderen Menschen sinngemäß wiederzugeben: Ich habe lieber neue schwarze Freunde, als alte braune.

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Categories: Diverses, Nörgeleien

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